{"id":1257,"date":"2026-01-05T21:11:36","date_gmt":"2026-01-05T21:11:36","guid":{"rendered":"https:\/\/bluemarble.ch\/wordpress\/?p=1257"},"modified":"2026-01-05T21:24:47","modified_gmt":"2026-01-05T21:24:47","slug":"lohne-bund-vs-privatwirtschaft-ein-reales-rechenbeispiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bluemarble.ch\/wordpress\/2026\/01\/05\/lohne-bund-vs-privatwirtschaft-ein-reales-rechenbeispiel\/","title":{"rendered":"L\u00f6hne Bund vs. Privatwirtschaft: ein reales Rechenbeispiel"},"content":{"rendered":"\n<p>Die L\u00f6hne von Bundesangestellten werden \u00f6fters von den <a href=\"https:\/\/www.20min.ch\/story\/lohnstudie-bezahlt-der-bund-wirklich-hoehere-loehne-als-die-privatwirtschaft-103203757\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.20min.ch\/story\/lohnstudie-bezahlt-der-bund-wirklich-hoehere-loehne-als-die-privatwirtschaft-103203757\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Medien<\/a> wie auch im <a href=\"https:\/\/www.parlament.ch\/de\/services\/news\/Seiten\/2025\/20250507175558854194158159026_bsd155.aspx\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.parlament.ch\/de\/services\/news\/Seiten\/2025\/20250507175558854194158159026_bsd155.aspx\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Parlament <\/a>als zu hoch erachtet. Es wird argumentiert, dass der mittlere Jahreslohn in der Privatwirtschaft bei 90&#8217;000 Fr. und beim Bund bei 131&#8217;000 Fr. liege. Somit w\u00fcrde die Privatwirtschaft Arbeitskr\u00e4fte an den Bund verlieren. Ist es m\u00f6glich, dass bei diesen Studien unreflektiert \u00c4pfel und Birnen vermischt werden? Wie w\u00fcrden diese Lohnspannen aussehen, wenn in der Privatwirtschaft nur Investmentbanker und beim Bund nur B\u00e4cker arbeiten w\u00fcrden? Idealerweise vergleicht man doch dieselbe Ausbildung, Berufserfahrung und Funktion und findet dann branchen-, gender- oder ausbildungsspezifische Unterschiede. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/bluemarble.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/pacman.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1265\" srcset=\"https:\/\/bluemarble.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/pacman.png 1024w, https:\/\/bluemarble.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/pacman-300x169.png 300w, https:\/\/bluemarble.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/pacman-768x432.png 768w, https:\/\/bluemarble.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/pacman-1003x564.png 1003w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ich kann euch hier nachvollziehbar ein durchaus am\u00fcsantes wie auch reelles Beispiel geben, wie die obenstehenden Unterschiede auch zu ungunsten der Privatwirtschaft ausfallen k\u00f6nnen.<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Ich arbeitete von 2008 &#8211; 2022 beim Bundesamt f\u00fcr Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz als Fernerkundungsspezialist und sp\u00e4ter als Teamleiter. Ich besitze den Doktortitel in Naturwissenschaften der ETH, habe ca. 10 Jahre bei der NASA und drei Jahre in der Forschung gearbeitet. Der Maximal-Bruttolohn, der die MeteoSchweiz in der Lohnklasse 23 ausbezahlt, ist laut <a href=\"https:\/\/www.epa.admin.ch\/epa\/de\/home\/themen\/lohnsystem.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.epa.admin.ch\/epa\/de\/home\/themen\/lohnsystem.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">transparenter Lohntabelle des Bundes<\/a> ca. 150&#8217;000 Fr. pro Jahr. Das ergibt bei 230 Arbeitstagen pro Jahr und 8.4h Arbeitszeit ein Lohn von 77 Fr. pro Stunde. Da die MeteoSchweiz auch als kostenneutraler Dienstleister agiert, wurde meine Dienstleistung zu einem Stundenansatz von 165 Fr. berechnet (Siehe <a href=\"https:\/\/www.fedlex.admin.ch\/eli\/cc\/2024\/452\/de\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.fedlex.admin.ch\/eli\/cc\/2024\/452\/de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Verordnung \u00fcber die Meteorologie und Klimatologie Art. 8<\/a>). In diesem Ansatz sind Infrastrukturkosten und personeller Overhead enthalten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Bundesamt zahlt dem Fachspezialisten ein Stundenlohn von 77 Fr. bei einem Vollkostentarif von 165 Fr.<\/h3>\n\n\n\n<p>Mein Sohn war vor zwei Jahren bei einem Kieferorthop\u00e4den. Der Kieferorthop\u00e4de besitzt einen Doktortitel, einige Jahre an Berufserfahrung und leitet ein Team von einigen Personen und f\u00fchrt eine Praxis. Auch wenn die Ausbildungen zwischen Kieferorthop\u00e4den und Fernerkundungsspezialist nicht komplett vergleichbar sind, dauern sie etwa gleichlang und die eigentliche Berufsarbeit erfordert jahrelanges Training und Spezialisierung nach Abschluss der Ausbildung. Teamleitung und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung sind analog zu betrachten. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir bekamen nach den ersten beiden Konsultationen vom Kieferorthop\u00e4den die erste Honorarrechnung \u00fcber 1376 Fr. Die beiden Konsultationen dauerten insgesamt etwa eine Stunde und ich gehe davon aus, dass der Kieferorthop\u00e4de f\u00fcr den dreiseitigen Analysebericht, der vorwiegend aus Textbausteinen und den gemachten Fotos \/ 3D Scans bestand, noch maximal eine weitere Stunde Aufwand gehabt hat. Der Stundenansatz des Kieferorthop\u00e4den betr\u00e4gt somit minimal 680 Fr. Er muss davon noch seine Angestellten und die Praxisausr\u00fcstung bezahlen. Bleiben wir beim selben Rechnungsmix wie beim Bundesamt und halbieren den Vollkostenansatz, um auf den Lohn des Kieferorthop\u00e4den zu kommen: 340 Fr. pro Stunde<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Kieferorthop\u00e4de bezahlt sich einen Stundenlohn von gesch\u00e4tzt 340 Fr. bei einem Vollkostentarif von 680 Fr. <\/h3>\n\n\n\n<p>Ist das nicht abgefahren? Ich schrieb dem Kieferorthop\u00e4den in der Folge eine E-mail und er erkl\u00e4rte mir ausf\u00fchrlich seine Tarifbestimmungen und gab an, dass er mit dem Taxpunkt-Ansatz von 1.0 der g\u00fcnstigste Kieferorthop\u00e4de sei. Ich verstand als Bundesangestellter, der sehr wohl honoriert, was er verdient, die Welt nicht mehr &#8230;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Stundenlohn des Kieferorthop\u00e4den ist ca. 4.5 mal h\u00f6her als die des Bundesangestellten mit \u00e4hnlicher Ausbildung und Spezialisierung.<\/h3>\n\n\n\n<p>Man mag jetzt entgegnen, der Kieferorthop\u00e4de habe eine extravagante Praxis mit teuren Instrumenten und teuren Mitarbeitenden. Ich kann dazu nichts sagen, denn Praxisausr\u00fcstung ist nicht mein Spezialgebiet. Ich kann einzig sagen, dass mein fr\u00fcherer Arbeitgeber MeteoSchweiz f\u00fcnf Standorte, mehrere Supercomputing-Zentren, teure Radaranlagen sowie 200 Messstationen gebaut und betrieben hat. Das f\u00fchrt zu relativ hohen Sachkosten. Ich gehe darum nicht davon aus, dass die standardisierte Praxisinneneinrichtung eines Kieferorthop\u00e4den die einer hochalpinen Radaranlage \u00fcbertreffen wird und erachte die oben gemachte Aufteilung der Vollkosten, Sachkosten und Stundenlohn beim Kieferorthop\u00e4den als valide.<\/p>\n\n\n\n<p>Man mag jetzt auch entgegnen, dass die Behandlung von gesundheitlichen Beschwerden von der Gesellschaft als wertvoller erachtet wird als die Klimabeobachtung aus dem Weltall und folgedessen (marktwirtschaftlich) mehr daf\u00fcr bezahlt werden sollte. Fair enough. Dann w\u00fcrde ich aber gerne folgendes motivieren:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Stundenlohn von Pflegefachpersonen mit 10-j\u00e4hriger Arbeitserfahrung betr\u00e4gt leider lediglich 45 Fr. Diese leisten tats\u00e4chlich einen wertvollen Beitrag zur Behandlung von gesundheitlichen Beschwerden der Gesellschaft und sollten entlang dieser Gedanken auch um ein Mehrfaches des Bundesangestellten erhalten.<\/h3>\n\n\n\n<p>Weitere Argumente, warum der Stundenansatz des Kieferorthop\u00e4den die des Bundesangestellten in gleicher Funktion um das viereinhalbfache \u00fcbersteigen sollte, nehme ich gerne entgegen &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die L\u00f6hne von Bundesangestellten werden \u00f6fters von den Medien wie auch im Parlament als zu hoch erachtet. Es wird argumentiert, dass der mittlere Jahreslohn in der Privatwirtschaft bei 90&#8217;000 Fr. und beim Bund bei 131&#8217;000 Fr. liege. Somit w\u00fcrde die Privatwirtschaft Arbeitskr\u00e4fte an den Bund verlieren. 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