Löhne Bund vs. Privatwirtschaft: ein reales Rechenbeispiel

Die Löhne von Bundesangestellten werden öfters von den Medien wie auch im Parlament als zu hoch erachtet. Es wird argumentiert, dass der mittlere Jahreslohn in der Privatwirtschaft bei 90’000 Fr. und beim Bund bei 131’000 Fr. liege. Somit würde die Privatwirtschaft Arbeitskräfte an den Bund verlieren. Ist es möglich, dass bei diesen Studien unreflektiert Äpfel und Birnen vermischt werden? Wie würden diese Lohnspannen aussehen, wenn in der Privatwirtschaft nur Investmentbanker und beim Bund nur Bäcker arbeiten würden? Idealerweise vergleicht man doch dieselbe Ausbildung, Berufserfahrung und Funktion und findet dann branchen-, gender- oder ausbildungsspezifische Unterschiede.

Ich kann euch hier nachvollziehbar ein durchaus amüsantes wie auch reelles Beispiel geben, wie die obenstehenden Unterschiede auch zu ungunsten der Privatwirtschaft ausfallen können.

Ich arbeitete von 2008 – 2022 beim Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz als Fernerkundungsspezialist und später als Teamleiter. Ich besitze den Doktortitel in Naturwissenschaften der ETH, habe ca. 10 Jahre bei der NASA und drei Jahre in der Forschung gearbeitet. Der Maximal-Bruttolohn, der die MeteoSchweiz in der Lohnklasse 23 ausbezahlt, ist laut transparenter Lohntabelle des Bundes ca. 150’000 Fr. pro Jahr. Das ergibt bei 230 Arbeitstagen pro Jahr und 8.4h Arbeitszeit ein Lohn von 77 Fr. pro Stunde. Da die MeteoSchweiz auch als kostenneutraler Dienstleister agiert, wurde meine Dienstleistung zu einem Stundenansatz von 165 Fr. berechnet (Siehe Verordnung über die Meteorologie und Klimatologie Art. 8). In diesem Ansatz sind Infrastrukturkosten und personeller Overhead enthalten.

Ein Bundesamt zahlt dem Fachspezialisten ein Stundenlohn von 77 Fr. bei einem Vollkostentarif von 165 Fr.

Mein Sohn war vor zwei Jahren bei einem Kieferorthopäden. Der Kieferorthopäde besitzt einen Doktortitel, einige Jahre an Berufserfahrung und leitet ein Team von einigen Personen und führt eine Praxis. Auch wenn die Ausbildungen zwischen Kieferorthopäden und Fernerkundungsspezialist nicht komplett vergleichbar sind, dauern sie etwa gleichlang und die eigentliche Berufsarbeit erfordert jahrelanges Training und Spezialisierung nach Abschluss der Ausbildung. Teamleitung und Geschäftsführung sind analog zu betrachten.

Wir bekamen nach den ersten beiden Konsultationen vom Kieferorthopäden die erste Honorarrechnung über 1376 Fr. Die beiden Konsultationen dauerten insgesamt etwa eine Stunde und ich gehe davon aus, dass der Kieferorthopäde für den dreiseitigen Analysebericht, der vorwiegend aus Textbausteinen und den gemachten Fotos / 3D Scans bestand, noch maximal eine weitere Stunde Aufwand gehabt hat. Der Stundenansatz des Kieferorthopäden beträgt somit minimal 680 Fr. Er muss davon noch seine Angestellten und die Praxisausrüstung bezahlen. Bleiben wir beim selben Rechnungsmix wie beim Bundesamt und halbieren den Vollkostenansatz, um auf den Lohn des Kieferorthopäden zu kommen: 340 Fr. pro Stunde

Der Kieferorthopäde bezahlt sich einen Stundenlohn von geschätzt 340 Fr. bei einem Vollkostentarif von 680 Fr.

Ist das nicht abgefahren? Ich schrieb dem Kieferorthopäden in der Folge eine E-mail und er erklärte mir ausführlich seine Tarifbestimmungen und gab an, dass er mit dem Taxpunkt-Ansatz von 1.0 der günstigste Kieferorthopäde sei. Ich verstand als Bundesangestellter, der sehr wohl honoriert, was er verdient, die Welt nicht mehr …

Der Stundenlohn des Kieferorthopäden ist ca. 4.5 mal höher als die des Bundesangestellten mit ähnlicher Ausbildung und Spezialisierung.

Man mag jetzt entgegnen, der Kieferorthopäde habe eine extravagante Praxis mit teuren Instrumenten und teuren Mitarbeitenden. Ich kann dazu nichts sagen, denn Praxisausrüstung ist nicht mein Spezialgebiet. Ich kann einzig sagen, dass mein früherer Arbeitgeber MeteoSchweiz fünf Standorte, mehrere Supercomputing-Zentren, teure Radaranlagen sowie 200 Messstationen gebaut und betrieben hat. Das führt zu relativ hohen Sachkosten. Ich gehe darum nicht davon aus, dass die standardisierte Praxisinneneinrichtung eines Kieferorthopäden die einer hochalpinen Radaranlage übertreffen wird und erachte die oben gemachte Aufteilung der Vollkosten, Sachkosten und Stundenlohn beim Kieferorthopäden als valide.

Man mag jetzt auch entgegnen, dass die Behandlung von gesundheitlichen Beschwerden von der Gesellschaft als wertvoller erachtet wird als die Klimabeobachtung aus dem Weltall und folgedessen (marktwirtschaftlich) mehr dafür bezahlt werden sollte. Fair enough. Dann würde ich aber gerne folgendes motivieren:

Der Stundenlohn von Pflegefachpersonen mit 10-jähriger Arbeitserfahrung beträgt leider lediglich 45 Fr. Diese leisten tatsächlich einen wertvollen Beitrag zur Behandlung von gesundheitlichen Beschwerden der Gesellschaft und sollten entlang dieser Gedanken auch um ein Mehrfaches des Bundesangestellten erhalten.

Weitere Argumente, warum der Stundenansatz des Kieferorthopäden die des Bundesangestellten in gleicher Funktion um das viereinhalbfache übersteigen sollte, nehme ich gerne entgegen …

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